Emotionen machen Wissenschaft besser! – Kommunikationsforscher entdecken die Gefühle

Soweit das persönliche Bekenntnis. Umso erfreuter und überraschter war ich, als ich das Programm der Fachgruppe „Wissenschaftskommunikation“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften DGPuK (welch kommunikationsfeindlicher Name, samt Abkürzung) sah, die sich dieses Jahr in Braunschweig traf: „Gefühlte Wissenschaft – Wissenschaftskommunikation zwischen Evidenzbasierung und Emotionsmodus“. Sollte hier endlich die Brücke geschlagen werden? Sollten hier, aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht, die Emotionen endlich zu ihrem Recht kommen? Würde hier ein Gegenargument zur heutigen Vizepräsidentin der DFG, Prof. Julika Griem, geschaffen, die auf dem Forum Wissenschaftskommunikation in Bonn von den versammelten Profis eine Abkehr von Emotionalisierungund stattdessen eine „zärtliche Überforderung“ des Publikums gefordert hatte? Wird endlich die eindeutige Erkenntnis aus der Praxis (dass ohne Motivation, eben Emotionen, Kommunikation gar nicht funktioniert) auch zu einem Kernthema der Kommunikationsforschung?

Also auf nach Braunschweig (aus persönlichen Gründen kommt dieser Bericht leider verspätet). Ganz wurden meine Hoffnungen nicht erfüllt. Doch glücklicherweise hatten die Veranstalter auch Redner aus anderen Disziplinen eingeladen – etwa einen Psychologen, eine Linguistin und sogar auch einen Praktiker aus der Wissenschaftskommunikation der europäischen Raumfahrt-Agentur ESA. Glücklicherweise, denn die Beiträge der Kommunikationswissenschaftler zum Thema Emotionen blieben im Braunschweiger „Haus der Wissenschaft“ eher mager.

Das Haus der Wissenschaft in Braunschweig: Auch Architektur weckt Emotionen.

Ganz anders die fachfremden Gäste. Etwa der Psychologe Prof. Rainer Bromme, seines Zeichens Seniorprofessor der Psychologie der Universität Münster, der sich intensiv mit Wissenschaftskommunikation auseinandergesetzt hat. Er führt das ewige Spannungsverhältnis zwischen Emotion und Rationalität in der Wissenschaftskommunikation auf das Ziel der „Objektivität“ in der Wissenschaft zurück. Doch ist es überhaupt richtig, dass im Sinne von Habermas allein die Rationalität objektive wissenschaftliche Ergebnisse sichert, fragte der Psychologe: „Die Annahme, dass Emotionen die Objektivität des Forschers gefährden können, basiert auf einer allgemeineren psychologischen Hypothese: Mit der Zunahme der Erregung des autonomen Nervensystems (sprich: Emotionen) nimmt die Qualität (sprich: Rationalität) der Informationsverarbeitung ab.“

Der veraltete Widerspruch: Emotionen gegen Objektivität

Doch wenn die Psychologie ins Detail geht, gibt es einen so klaren Konflikt gar nicht. Im Gegenteil, so Prof. Bromme zu Emotionen: „Sie können (vor allem bei hoher Aktivierung) rationale Informationsverarbeitung tatsächlich beeinträchtigen, sie können diese aber auch verbessern (vor allem bei moderater Ausprägung), abhängig von Kontext und Inhalt, und vom Rationalitätskriterium.“ Heißt das, Emotionen können wissenschaftliches Arbeiten sogar verbessern, im rechten Maß? Es wird höchste Zeit, dass sich Wissenschaftler selbst darüber weiterführende Gedanken machen – sich mit der Rolle ihrer eigenen Emotionen für ihre Arbeit beschäftigen.

Vor wenigen Wochen war Prof. Bromme zu Gast beim „Treffpunkt Wissenschaftskommunikation München“ #WisskomMUC. Er sprach darüber, wie Vertrauen entsteht und vergeht. Ich hatte damals noch kritisiert, dass er die emotionale Seite von Vertrauen vernachlässigt hätte. Das holte er jetzt in Braunschweig gründlich nach: Wer als Außenstehender (alle Bürger, an die sich Wissenschaftskommunikation wendet, sind Außenstehende) beurteilen will, ob er den Darstellungen vertrauen kann, hat zwei Möglichkeiten, so Prof. Bromme. Er kann eine Behauptung anhand des eigenen Vorwissens checken, wie plausibel sie ist, logisch konsistent oder eben nicht. Oder aber – der zweite Weg – er kann der Person vertrauen, die ihm eine Botschaft übermittelt, in unserem Fall einem Wissenschaftler oder einer Wissenschaftlerin. Dabei aber sind Emotionen hilfreich, vor allem wenn der Absender einer Information seine Emotionen auch vermittelt, denn sie geben Hinweise auf die Motivation, die Werte und Ziele eines Wissenschaftlers, auf seine Integrität und seine grundlegenden Einstellungen.

„Emotionalität der Wissenschaft zum Thema machen“

„Emotionen, die ich bei anderen beobachte“, so Prof. Bromme aus der Perspektive des Empfängers, „wirken sich auf meine eigenen Emotionen aus.“ Und fährt fort: „Emotionen anderer Personen sind in hohem Maße informativ über diese Personen und ihre Werte.“ Was schließlich dazu führt, dass geteilte Werte Vertrauen ermöglichen. Sein Fazit für die Wissenschaftskommunikation: „Die Emotionalität der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zeigen und reflexiv zum Thema machen.“ Die Psychologie widerlegt hier eindeutig die Erzählforscherin Griem.

Eine kritische Zwischenbemerkung: Ich denke, es ist falsch, dass die Werte eines Menschen zu den Emotionen gezählt werden. Wertvorstellungen sind eine bestimmende Grundlage für Entscheidungen und Meinungen von jedem von uns. Und sie sind keineswegs unbedingt emotional bestimmt. Wertvorstellungen können aus Emotionen oder aus rationalen Überlegungen entstehen, oder aus beidem. Wenn ich mich etwa für den Schutz der Umwelt und nachhaltiges Wirtschaften einsetze, kann dahinter das rationale Ziel stehen, für kommende Generationen eine lebenswerte Umwelt zu erhalten, aber auch das emotionale Ziel, Gottes Schöpfung zu bewahren, oder beides. In den USA übrigens gelten Werte in der Kommunikationsforschung als ebenso wichtiger Untersuchungsgegenstand wie Emotionen.

Ein Kontrastprogramm zum Psychologen Bromme bot gleich danach der Kommunikations-Praktiker Markus Bauer von der Europäischen Raumfahrt-Agentur ESA. Er ist dort verantwortlich für die Kommunikation zu Wissenschaft und Robotik. Dass er Emotionen auslösen kann,zeigte Tagungsleiterin Prof. Monika Taddicken am Beispiel ihrer vierjährigen Tochter: Als sie ihr erzählte, dass ein Kollege von „Astro-Alex“, dem Astronauten Alexander Gerst, bei der Tagung ihrer Mama sprechen würde, malte sie gleich ein Bild mit ihren Vorstellungen vom Weltraum.

Wenn eine Vierjährige vom Weltraum träumt: Ein Gruß an „Astro-Alex“, der es versteht, seine Emotionen mitzuteilen.

Markus Bauer allerdings konnte weniger zum Träumen anregen. Bei ihm ging es auch nicht darum, Vertrauen in die Erkenntnisse aus der Weltraumforschung zu erzeugen, sondern schlichtweg, Aufmerksamkeit dafür zu wecken. Der Sciencefiction-Fan Bauer schilderte das Vorgehen bei der Landung der Kometensende „Rosetta“ auf Tschurjumow-Gerassimenko nach jahrelangem stillen Flug. Eigentlich war es eher ein Gegenbeispiel für gelungene Wissenschaftskommunikation, denn mit großem Aufwand wurden eher bescheidene Ergebnisse erreicht. Da wurde etwa ein europaweiter Schülerwettbewerb gestartet, an dem sich am Ende lediglich 200 Klassen beteiligten; ein Sciencefiction Film mit Darstellern wurde gedreht, den sich dann rund 100.000 Menschen im Internet anschauten. Im Rahmen der Missionskosten von rund einer Milliarde Euro mögen die Ausgaben für diese PR-Maßnahmen gering gewesen sein, einer ernsthaften Kosten-Nutzen-Kontrolle hätten sie sicher nicht standgehalten. Aber solche Abwägungen sind in der Praxis der Wissenschaftskommunikation ja leider ohnehin eine Seltenheit.

Framing: Was Worte alles anrichten 

Ein anderes, für die Kommunikation extrem wichtiges Thema warf die Linguistin Prof. Nina Janich von der TU Darmstadt auf: Framing. So sehr das Framing gerade in der öffentlichen Diskussion (durch ein unglückliches Papier der ARD-Rundfunkanstalten) umstritten ist: Für die Kommunikation ist es ein entscheidender Unterschied, ob ein Glas Wasser nun als halb voll oder halb leer bezeichnet wird, um ein Standardbeispiel für Framing zu nennen. Die Linguistin Janich zeigte anhand eines einzigen Dialogs auf dem Blog des Klimaforschers Prof. Stephan Rahmstorf, was Framing in der Sprache alles anrichten kann: Heraus kam ein Feuerwerk an Diffamierungen, Kompetenzansprüchen, Rollenzuweisung, Bestreiten von Äußerungsrecht, Arroganz und Rechthaberei. Prof. Janichs Schlußfolgerung: Wissenschaftler müssen für die Wissenschaftskommunikation nicht nur Sachkompetenz besitzen, sondern auch Verständigungskompetenz, die schon allein durch ihre Sprache klar macht, dass ihr Ziel „in aufrichtiger Information und glaubwürdiger Argumentation besteht“ und sie brauchen eine „wissenschaftliche Sprachkultiviertheit, die den Willen zur Kooperativität und Kooperation einschließt.“ Die Linguistin nennt das „Allozentrische Empathie“.

Für mich warf der Vortrag eine Frage auf: Ist Framing nicht eher ein Forschungsgegenstand der Kommunikationsforschung? Warum muss eine Linguistin zeigen, was da in der Wissenschaftskommunikation schief läuft und nicht ein Forscher aus dem Kreis der Kommunikationswissenschaften, der sich intensiv mit der Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft befasst? 124 Mitglieder hat die Fachgruppe „Wissenschaftskommunikation“ der DGPuK derzeit. Tagungsleiterin Taddicken hatte das Ziel gesetzt, Wissenschaft und Praxis einander näher zu bringen. Glücklicherweise hatte sie Kollegen aus anderen Disziplinen eingeladen.

Eine persönliche Anmerkung noch am Rande: Es war bemerkenswert, wie wenig die Spezialisten der Wissenschaft über Kommunikation selbst von der Praxis guter Kommunikation halten. Da wurden seitenweise die Folien abgelesen (die wenigstens in dafür ausreichender Schriftgröße gestaltet waren), da versteckten sich die Referenten hinter dem viel zu hohen Rednerpult, das Mikrofon wurde missachtet, so dass in dem eher kleinen Vortragssaal dennoch kaum etwas zu verstehen war, die Referenten wurden allein mit dem Namen eingeführt, ohne kenntlich zu machen, was sie an Erfahrungen mitbringen und, und, und …. Gute Kommunikation sieht anders aus. Ich meine, Kommunikationswissenschaftler sollten ihren Forschungsgegenstand doch so ernst nehmen, dass sie auch in der Praxis mit Kommunikation kompetent umgehen.

Eine viel zu selten genutzte Kommunikationschance: Live-Streaming, wenigstens der Podiumsdiskussion, sogar mit Video-Zuschaltung.

Immerhin, das sei nicht verschwiegen, wurde die Podiumsdiskussion der Tagung zum Thema „Emotional(isiernd)e Inhalte“ live im Internet gestreamt und damit die Konferenz für einen breiten Zuhörerkreis geöffnet. Das sollte ein Vorbild für andere Fachtagungen sein, kann gern auf die Vorträge und Diskussionen ausgeweitet werden. Die Diskussion ist unter dem Link https://www.youtube.com/watch?v=8hWYIWDGrDsauch heute noch auf Youtube mitzuverfolgen.

Wissenschaftskommunikation braucht eine Forschungs-Agenda

Mein Fazit: Wenn ich die Tagung der Fachgruppe „Wissenschaftskommunikation“ rückblickend Revue passieren lasse, dann habe ich größtenteils die Qualität der Vorträge vermisst, wie sie etwa bei den Sackler-Colloquien “Science of Science Communication“ der Amerikanischen Akademien der Wissenschaften gehalten werden, die Livestreams und Abschriften, die mich ohne aufwändige Reisen daran teilhaben lassen, und die Qualität der dort präsentierten Forschungsprojekte, wie sie in den USA auch durch die Forschungsagenda „Communicating Science Effectifely“ vorgezeichnet ist.

Gute Wissenschaftskommunikation in der Praxis braucht gute Forschung zur Wissenschaftskommunikation im Hintergrund, schon allein um mit den Mythen aufzuräumen, denen viele Wissenschaftler in Sachen Kommunikation anhängen. Sie sind und bleiben die bestimmenden Entscheider. Doch so lange sie bei Kommunikation noch immer eher ihrem eigenen Bauchgefühl trauen als der Erfahrung der Kommunikatoren und den Fakten der Kommunikationsforschung, wird es mit der Qualität der Wissenschaftskommunikation schlecht aussehen, ganz zu schweigen von ihrer mangelnden Sensibilität für die Entwicklungen in den Medien und in der Gesellschaft: Wir brauchen eine Forschungsagenda der Kommunikationsforscher, und können uns da von „Communicating Science Effectively mehr als eine Scheibe abschneiden.